Mona (Gro Swantje Kohlhof) hat sich mittlerweile daran gewöhnt. Ihre Mutter Marlene (Sandra Hüller) leidet unter Alpträumen! Die erschütternden Erfahrungen im Schlaf stören fast täglich die Nachtruhe der beiden. Die junge Frau lebt mit ihrer Mutter zusammen, wodurch sie glücklicherweise umgehend im Fall der Fälle für eine beruhigende Umarmung und den richtigen Worten zu Hilfe eilen kann. Eine Belastung für das Verhältnis zwischen Mutter und Tochter sind die immer extremer werdenden Panikattacken trotzdem. Sogar das Atmen macht Marlene nach dem plötzlichen Aufwachen Probleme. Mona sieht sich deswegen veranlasst einen Termin beim Hals-Nasen-Ohren-Arzt zu vereinbaren und rät ihrer Mutter zudem, eine intensive therapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Zu den zwei Behandlungen wird es jedoch nicht kommen. In ihren Träumen sieht Marlene immer und immer wieder ein und dasselbe Hotel, in dem nur Tod und Verderben zu warten scheinen. Als sie in einer Werbeanzeige eben jenes erblickt, steht ihr Entschluss fest. Ohne das Wissen ihrer Tochter besucht sie das Hotel Sonnenhügel, wo ihre Psyche sich einer immensen Belastung ausgesetzt sieht, die sie in einen komatösen Wachzustand fallen lässt. Mona reist in die Gemeinde Stainbach, um nach dem Grund des Zusammenbruchs ihrer Mutter zu suchen. Bald muss sie am eigenen Leib erfahren, dass deren Alpträume tatsächlich von der scheinbaren Idylle Stainbachs gespeist wurden…

In Deutschland gab es im frühen 20. Jahrhundert ein lebendiges Genrekino, das in aller Welt bewundert wurde. Regisseur Michael Venus weiß um die Filmgeschichte und verehrt die Horrorfilme vergangener Tage. Heutzutage ist man von einer florierenden Produktion grusliger Stoffe in hiesigen Gefilden weit entfernt. Mit der für den Niedergang des deutschen Films verantwortlichen Ideologie rechnet er auch im Verlauf von Schlaf künstlerisch ab. 

Insbesondere junge Filmemacher und Filmemacherinnen drücken sich in ersten Gehversuchen häufig im Bereich des Horrors aus. Kaum ein Genre bietet so vielfältige Möglichkeiten, um mit handwerklichen Nuancen zu experimentieren. Kombiniert mit dem Motiv des Traumes wählt Michael Venus so ein Debüt, das ihm viel Raum zum filmischen Ausdruck bietet.

Fragen über die authentische Wahrnehmung der Figuren ihrer Umwelt laden zu visuellen Exzessen ein. Mona und Marlene werden mit Reizen konfrontiert, die dem Publikum ebenfalls Fragen über den aktuellen Bewusstseinszustand der Protagonistinnen stellen. Kamerabewegungen beschleunigen sich zu schwindelerregenden Kreisfahrten oder Schauplätze werden exklusiv an den Eindruck von Mona oder Marlene gebunden, was sich in einer Umgestaltung des Szenenbilds ausdrückt. Beispielsweise scheint nur Mona die blutigen Überreste ehemals menschlichen Lebens erblicken zu können. Der Bildgestaltung gelingt es ein Gefühl der verborgenen Bedrohung stilvoll auszudrücken. Im tristen Dorf, von dem wir passend zum herrschenden Eindruck ländlicher Ödnis nur kleine Personengruppen näher kennenlernen, erhalten wir Perspektiven auf die umherstreifende Mona, bei deren Ausgangspunkt es sich um Gassen oder Seitenstraßen handelt. In ihrer Schlichtheit sind es ebenso effektive Schachzüge, die langsam ein Gefühl der Paranoia auslösen. Sie wechseln sich mit schnellen Schnitten und gut aufgebauten Schockmomenten ab. 

Enthusiasten des Genrefilms sollten einen abwechslungsreichen Aufenthalt in Stainbach verbringen, dessen ganze Hoffnungen auf dem betont freundlichen Hotelier Otto (August Schmölzer) zu liegen scheinen. Ein düsteres Geheimnis, das in der Familiengeschichte ruht, macht ein ganz besonderes Nachtlager für den selbsternannten Patriarchen notwendig. Mysteriöse Andeutungen dieser Art werden zahlreich gestreut. So wächst die Neugierde auf die Auflösung mit andauernder Spielzeit gehörig. Leider orientiert sich das Drehbuch letztendlich doch zu sehr am Vorbild traditioneller Erzählungen vergangener Tage, wodurch die ambitionierte Dimension von Träumen ihre psychologische Komponente massiv einbüßt. Stattdessen liefert ein schauderhaftes Deus ex Machina eine Abzweigung in märchenhafte Gefilde, die durchaus ernüchtert auf die vorangegangen Ereignisse blicken lassen.

FAZIT

Schlaf ist ambitioniertes Genrekino aus Deutschland. In seinem Debüt zeigt Michael Venus stilsichere Ansätze, die aus inszenatorischer Sicht optimistisch auf die nachfolgenden Projekte blicken lassen. Man kann sich dem Gefühl nicht verwehren, dass die surrealistischen Einflüsse und Orientierung an großen Vorbildern zu einer Überladung der Geschichte beigetragen haben. Dies sorgt letztendlich für eine nicht allzu befriedigende Auflösung. Nichtsdestotrotz mindert ein schwächelnder letzter Abschnitt den insgesamt positiven Gesamteindruck des über weite Strecken unterhaltsamen Horrorfilms nicht in erheblichem Maße. Willkommen im Sonnenhügel

Marco Busselmaier

Positives

Die Liebe kann so schön sein. Oft genug gibt es Umstände, die ein glückliches Zusammensein zweier Menschen praktisch unmöglich machen. Im 19. Jahrhundert war dies für Homosexuelle allzu oft reine Utopie! Isabel Coixet hat entdeckt, dass sich an der Schwelle zum 20. Jahrhundert eine ganz besondere Eheschließung zwischen zwei sich liebenden Menschen ereignete. Entgegen jeglicher Konvention hatten es die titelgebenden Frauen Elisa und Marcela geschafft, den heiligen Bund der Ehe zu schließen. Sie waren nicht an Vordenker des christlichen Glaubens geraten, sondern waren gezwungen ihre Umgebung zu täuschen. Elisa wurde für die Öffentlichkeit zu einem Mann.

Gleichgeschlechtliche Liebe ist nicht weniger wert als die Liebe zwischen Mann und Frau. Dafür steht der Film ein. Bedauerlicherweise sind auch heute, über 100 Jahre später derartige Plädoyers notwendig. Eine noble Intention macht jedoch lange noch keinen guten Film. 

Daran kann auch Isabel Coixets romantische Liebeserklärung an die Filme ihrer Kindheit und Jugend wenig ändern. Es war ihr schon in der Anfangsphase der Entwicklung klar, dass diese Geschichte in schwarz-weißem Gewand erstrahlen soll. Umso passender, dass Nutzer sozialer Medien bereits diese Art der Gestaltung schon lange auf kleinen Bildschirmen gelernt haben zu lieben. NETFLIXs neuester Streich wird aufgrund der Ästhetik sich passend in die Sehnsucht vergangener Tage eingliedern. Das Bedürfnis der jungen Generation nach vergangenen Dekaden befriedigen. Ein gutes Gefühl vermitteln. Freiheit der Liebe ist voll und ganz zu unterstützen. Ein Hoch auf Elisa und Marcela…

Negatives

Ein Tief über der filmischen Interpretation der auf wahren Begebenheiten beruhenden Geschichte. Isabel Coixet besitzt offensichtlich einen ziemlich eindimensionalen Blick auf das weite Feld der Liebe. Darstellerische Hingabe und exzellente Chemie zwischen Natalia De Molina und Greta Fernández sorgen dafür, dass die Ernte in ihrem geringen Ertrag geringfügig sättigt.

Gefühle finden zwischen den Frauen nur in anstrengend visualisiertem Briefverkehr statt. Dessen Zeilen werden in einem Stil rezitiert, der eher an Sporen-Word-Performances eines studentischen Kunstmilieus angelehnt zu sein scheint.

Die Zweisamkeit, die sie sich auf der Leinwand während der Beziehung teilen, ist von Bildern makelloser Körper der Frauenfiguren dominiert. Man hat durch das Übermaß des sexuellen Aspekts von Liebe keine Chance in tiefere Gefühlsebenen vorzudringen.

Was macht die Verbindung so besonders? Was sehen sie in einander? Warum ist die Liebe so stark? Weshalb kann man nicht anders, als alle gesellschaftlichen Hürden zu überwinden? Was lässt zwei Menschen keine andere Wahl, als eine Illusion im Alltag zu leben, damit man Glück in seiner Existenz erfährt? Die Antworten auf essentiellen Fragen, die eine Bindung des Publikums an fiktionale Auslegungen von Liebe auslösen, liegen dem Drama nicht am Herzen. Dass für szenische Übergänge vor vielen Jahren allerdings Irisblenden eingesetzt wurden, scheint Coixets dafür umso wichtiger zu sein. Selten wurde ein Stilmittel inflationärer aufgezwungen, obwohl die Verwendung zum passenden Zeitpunkt einen wahren Höhepunkt markiert. 

Intentionen der feministischen Manier verlieren in der Oberflächlichkeit des propagierten Körperverständnisses ihre Wirkung. Wenn Muttermale eine Rollenzuweisung als Makel auf einer idealisierten Körperfläche erhalten, gleicht das mehr Hohn als Ermutigung.

Fazit

Elisa y Marcela besitzt eine Botschaft, die es zu verkünden gilt. Isabel Coixet hat nur ein verbogenes Sprachrohr geschaffen. Schaulust und leerer Ästhetizismus überladen dekadent einen interessanten Stoff, der jedem Widerstand trotzend erzählt werden muss.

Marco Busselmaier

Positives

Es handelt sich um das Regiedebüt des britischen Schauspielers, der durch seine Darstellung der Hauptfigur aus Steve McQueens mehrfach mit einem Oscar prämierten Film Twelve Years a Slave seinen endgültigen Durchbruch an der Spitze Hollywoods feierte. Seine erste Regiearbeit durfte er als Europapremiere auf den 69. Internationalen Filmfestspielen Berlin präsentieren. Die Berlinale ist durch die Aufnahme des Films, ihrer selbst auferlegten politischen Ausrichtung gefolgt. 

Für Ejiofor handelt es sich um eine Rückbesinnung auf seine afrikanischen Wurzeln. Die Geschichte eines Jungens aus Malawi scheint wie geschaffen für ein Drama. Die Krönung zum Stoff bietet ein Clou, der seit jeher als Verkaufsargument für Geschichten verwendet wird. William Kamkwamba ist keine reine Filmfigur. Die geschilderten Ereignisse gehören zur Biographie des heute als Ingenieur arbeitenden Malawiers. Aus ärmlichen Verhältnissen stammend hat er es vom Sohn eines Farmers durch ein Stipendium weit gebracht. Bevor der Weg zum Erfolg filmisch aufgearbeitet wurde, hat er selbst seine Geschichte als Memoiren niedergeschrieben. Während des Entstehungsprozess des Films stand er Ejiofor und dessen Schreibkollegen Bryan Mealer beim Verfassen des Drehbuches zur Seite. Auf der Pressekonferenz in Berlin war er zusammen mit Ejiofor, Aissa Maigä sowie dem Darsteller seines verfilmten Ichs anwesend. 

Diese seit Beginn des Projekts vorhandene Mitwirkung ist absolut ersichtlich. Langsam und behutsam wird die Situation der Familie während eines erntearmen Jahres erzählt. Ejiofor nimmt dabei eine Unterteilung in Kapitel vor SaatErnteHunger und Wind eröffnen unspektakulär aber dabei gleichzeitig auch unglaublich auf den jeweiligen Handlungsabschnitten enthaltenen Szenen. Mit fortschreitender Handlung kristallisiert sich ein Konflikt zwischen nach Wissen lechzendem William und auf die Tradition versteiften Vaters, dem nie eine Schulbildung zuteilwurde. Ausgefochten werden die unterschiedlichen Positionen inmitten eines politisch instabilen Umfelds. Die Regierung vernachlässigt die einfachen Farmer, deren Städtegemeinschaft im Stil eines Stammes organisiert ist. Der Chief wird von Schergen zusammengeschlagen, als er an das Gewissen des herrschenden Staatsoberhauptes appelliert. 

Es wird erschütternd gezeigt, wie eine ausbleibende essentielle Stillung der Notwendigkeit einer ausreichenden Nahrungsmittelversorgung zum Verfall einer an sich funktionierenden Gesellschaft, möge sie auch noch einen im Vergleich zu privilegierten Staaten geringen Lebensstandard besitzen, beiträgt. Als Elternteil blickt man machtlos auf die Katastrophe, welche schier unaufhaltsam vor den eigenen Augen vorbeizeiht. Dafür findet Ejiofor ein kraftvolles Bild, das einem auch lange nach der Sichtung nicht loslassen wird. In der Auswahl von simplen Situationen, die ein hohes Potential zur Identifikation besitzen, liegt eine der größten Stärken des Films. Zusammen mit den starken Leistungen der Darstellerriege, innerhalb derer alle Beteiligten wirkungsvolle Akzente setzen, bildet die Schlichtheit ein Duo, dem man sich kaum entziehen kann.

Ebenfalls nüchtern und gleichzeitig zutreffend wird skizziert, dass Afrika und jeder Kontinent für sich einzeln in seiner Weltwahrnehmung betrachtet werden muss, um Verständnis für das Fremde zu entwickeln. Der 11. September ist in Afrika ein Tag wie jeder andere…

Negatives

Emotionale Kraft aus Schlichtheit bedeutet gleichzeitig einen Hang zur Vereinfachung der Zustände von Lebensumwelt der Geschichte. Ohne eine äußere Einwirkung schafft es Williams Dorf sich zu retten. Lediglich er als brillanter Kopf, der sich gegen seinen Vater durchsetzen muss, fühlt sich dazu befähigt, die Erntekrise durch physikalisches Wissen und erfinderisches Geschick zu einem glimpflichen Ende zu führen. Angelegt als großer Felsen auf dem Lebensweg Willams, wirkt das Aufeinandertreffen der entgegengesetzten Positionen im Nachklang schnell eher wie ein Kieselstein.

Damit wird ein Narrativ, welches die Vorstellung von einfacher Krisenbewältigung vermittelt, befeuert. Es ist nicht immer ein einzelner Kopf, der als strahlender Held auftreten kann. Der sprichwörtlich entgegen aller Widerstände den Olymp des Erfolgs erklimmt. Als Beispiel einer fantastischen Erfolgsstory ist der Film ein reines Märchen. Ein Märchen mit wahrem Kern. Ein Märchen, das hoffentlich inspiriert. Die Realität und herrschenden Missstände werden fast nie von Einzelnen in einer derart glücklichen Konstellation behoben. Der entscheidende Streit lässt sich auch nicht in der hier an den Tag gelegten Geschwindigkeit schlichten. Bilder der Hoffnung, mit einer Ästhetik des Strahlens, wie wir sie hier zu sehen bekommen, sättigen für eine gewisse Zeitperiode. Hungerkrisen schaffen sie nicht aus der Welt.

Fazit

The Boy Who Harnessed the Wind begeistert mit fantastischen Performances, die einfach konstruierte Szenen größer erscheinen lassen, als sie es bei näherer Betrachtung sind. Chiwetel Ejiofor selbst und die junge Entdeckung Maxwell Simba brillieren. Das Drama fesselt emotional, erreicht dabei allerdings nie ganz die angestrebte Tiefe im Umgang mit seinen wichtigen Motiven.

Marco Busselmaier

Positives

Vom Stummfilm zum Tonfilm, vom Schwarzweißfilm zum Farbfilm, vom 2-D-Film zum 3-D-Film… Die Filmgeschichte und das Kino haben mit der Zeit diverse technische Dynamiken miterlebt, die dem Publikum eine vollkommen neuartige Seherfahrung geboten haben. Eine Kostprobe des nächsten Schritts für die breite Masse lieferte erstmals Peter Jackson mit seiner Hobbit-Trilogie vor einigen Jahren. Die verdoppelte Bildrate, mit 48 Bildern pro Sekunde, geriet im Zusammenspiel mit den computergenerierten Settings der Fantasiewelt in einen paradigmatischen Konflikt. Man begegnet einem Filmbild, das im Vergleich zum etablierten Standard eine höhere Schärfe bietet. Vorder- und Hintergrund brennen sich gleichermaßen gestochen scharf auf die Netzhaut. Zudem erscheinen die Bewegungen flüssiger. Dadurch soll sich das Kino den Seheindrücken des menschlichen Auges angleichen. Ang Lee geht einen anderen Weg als Jackson. Er drehte in 120 Bildern pro Sekunde. In der Kinoauswertung bekommt man den Film mit 60 Bildern pro Sekunde auf die Leinwand geworfen.

Die Projektionstechnik modernster Kinos, die den Markt bedienen, ist einfach nicht in der Lage, den angestrebten Wert umzusetzen. Mehr Pferdestärken auf der Piste sind bei weitem nicht das einzige Kennzeichen einer unterschiedlichen Herangehensweise. Fernab von Fantasy möchte Lee die Technik mit Stoffen etablieren, die das Humane in den Mittelpunkt rücken und überwiegend in lebensnahen Handlungsschauplätzen zu verordnen sind. Dem Konflikt zwischen Realismus und imaginierten Welten fernab des Bekannten geht er bildästhetisch aus dem Weg. Das Potential der Technik für Actionsequenzen hat er mit Gemini Man angedeutet.

Selten fühlten sich Verfolgungsjagden über Dächer und durch verwinkelte Gassen so dynamisch an. Die kristallklaren Eindrücke erinnern in ihrer Reinheit an dokumentarische Drehaufnahmen, wie man sie aus Features über die Filmproduktion kennt. Das Actionszenario erhält, jenseits der futuristischen Ausgangslage eines Duells zwischen Will Smiths und seinem jüngeren Ich, eine visuelle Authentizität, die den Zuschauer in ihren Bann zieht. Die Action ist geerdet. Lee verzichtet die Technik mit digitalem Bombast zu überladen. Eher tastet er sich, mit einem ruhig erzählten Actionfilm an Exzellenz von Bildwirkung heran. Der doppelte Will Smith ist durch die Raffinesse des Effektteams in einer Art und Weise umgesetzt, die sich ohne befremdliche Wirkung in den erstaunlichen Bildeindruck integriert.

Wenn das örtliche Lichtspielhaus in der Lage ist, die Version mit 60 Bildern pro Sekunde abzuspielen, lohnt sich der Kinobesuch für einen Blick in die Zukunft. Das 3-D ist kein Fremdkörper, sondern ergänzt die technologische Perfektion harmonisch. Wenn Wasser auf der Leinwand erscheint, versetzt Lee mit einer gängigem Aufnahmemotiv die Augen in ehrfürchtiges Staunen. Abseits der visuellen Vision kämpfen die Bilder mit dem Film, den sie illustrieren…

Negatives

Gemini Man ist ein Film, dessen Konzept eine lange Geschichte vorzuweisen hat. Die Grundidee geht bis in die 1960er (!!!) Jahre zurück. Die Geschichte hat auf die Möglichkeiten des Filmes gewartet, um hinsichtlich der Effekte ohne Irritation umgesetzt zu werden. Ohne jede Tiefe stürzen sich Will Smith und Co. in Urlaubshochburgen. Wie in einem frühen James Bond-Film bewegen wir uns durch wundervolle Städte. Gerade Budapest dürfte sich an dem Resultat erfreuen. Die Action ist in das eskapistische Gewand eines Imagefilms gehüllt.

Auch die ethischen Fragen der militärischen Ebene werden oberflächlich angerissen. Das Drehbuch zielt einzig und allein auf die spektakuläre Umsetzung eines banalen Szenarios.

Fazit

Gemini Man ist die Definition von qualitativer Ambivalenz. Aus technischer Hinsicht brilliert Lee. Es ist schade, dass er sein Anliegen mit einem astreinen B-Movie Stoff der biederen Sorte vorlegt. Es ist ihm jedoch anzurechnen, dass er die aktuellen Möglichkeiten seiner Vision nicht überfordert. Als Vorschau auf das Potential einer erhöhten Bildrate funktioniert das Gebotene. Wer einen ersten Blick auf zukünftige Standards des Filmens werfen möchte, sollte sich bewusst sein, dass deutliche Schwächen hinsichtlich der Erzählung in Kauf genommen werden müssen. Empfohlen sei lediglich die HFR-Version.

Marco Busselmaier

Positives

Die ruhigen Momente der frühmorgendlichen Meditation sind schnell verflogen. Aus ihrem Schrein der Inspiration tanzt sich Molly (Beanie Feldstein) in die letzten Takte ihrer High-School-Tage. Sie und ihre Freundin Amy (Kaitlyn Dever) haben große Ziele. Sie möchten so richtig Karriere machen! Michelle Obama und Ruth Bader Ginsburg sind Idole, denen es gleichgetan werden soll. Um in ihren Ambitionen nicht gestört zu werden, haben sie sich streng diszipliniert. Partys, lange Nächte und Eskapaden waren tabu. Eine Unterhaltung auf der Schultoilette führt bei Amy dazu, ihre eigens auferlegten Prinzipien zu hinterfragen. Klassenkameraden, die so überhaupt nicht auf jugendliche Ausgelassenheit verzichten, haben nach ihrem Abschluss exakt die gleichen Zukunftsperspektiven. War die Enthaltsamkeit also absolut unnötig? Eine exzessive Party muss gefeiert werden. Den Musterschülerinnen bleibt eine Nacht, um Versäumnisse ihrer Schulzeit nachzuholen!

Dementsprechend rasant prescht Olivia Wildes Komödie durch diverse Partystationen. Lockere Sprüche werden am laufenden Band zwischen Figuren ausgetauscht, sodass sich absolut keine Langeweile einstellt. Der Film führt das Publikum durch eine kurzweilige Coming-Of-Age-Geschichte. Anstatt sich dem schwierigen Übergang zwischen Jugend- und Erwachsenenalter zu widmen, sind die Karten neu gemischt. Zurück zum Infantilen! Unvermeidbar, dass die humoristische Klaviatur etwas derber ausfällt. Die Beteiligten wissen es schauspielerisch, das Tempo des Drehbuchs einzufangen. Mienenspiel, Timing und Deliveryvertrösten auch über schwächere Momente hinweg. 

Die Schulgemeinschaft wird als harmonisch dargestellt. Amy und Molly sind Außenseiter, werden allerdings aufgrund ihrer engagierten Einstellung nicht zum Ziel von offen ausgelebtem Hohn und Spott. Es wird vermittelt, dass Professionalität nicht unbedingt mit einer Abschottung gegenüber anderer Bereiche des Lebens einhergehen muss.

Der Vergleich zu Superbad, den viele Besprechungen ziehen, bietet sich in der Tat an. Ergründet wird nun die weibliche Perspektive des Hormoncocktails. Milder und gefühlvoller wird er nicht allzu oft serviert. Es bleibt abzuwarten, ob mehr Bars ihre Karten erweitern.

Negatives

Perspektivenwechsel bewahren nicht vor Stereotypen! High-School-Filme versuchen einen Querschnitt der jugendlichen Gesellschaft abzubilden. Denkprozesse gestalteten sich in ihr des Öfteren deutlich schematischer. Die Mitschüler lassen sich geschuldet der Zielgruppe in bekannte Raster des vorgefertigten Katalogs einordnen. Olivia Wilde möchte unbedingt aus der etablierten Filmsparte herausbrechen, nur um das Vertraute mit aufdringlichem Musikeinsatz noch drastischer in den Mittelpunkt zu rücken.

Variationen treten nicht auf. Das Subversive geht zugunsten der Kapitulation vor der eigenen Genregeschichte unter. Figuren tauchen wahllos überraschend in den verschiedenen Zwischenstopps Mollys und Amys auf. Sie werden verstärkt auf Running Gags reduziert. Mit jedem erneuten Auftritt steigt die Radikalität, mit der die bekannten Eigenschaften der Charaktere vermittelt werden. Höher, schneller, weiter! Bis zur konservativen Abschlussfeier begleiten wir diese Klasse von 2019 gemäß dieses bekannten Mottos. Mollys und Amys Haltung hat gewonnen, nur mussten sie vorher verlieren. Der Kater stellt sich erst mit Verzögerung ein. Der Rausch verzerrt die Wahrnehmung. 

Fazit

Booksmart schießt aus dem Startblock, reißt vor Überquerung der Ziellinie jedoch die Hürden um. Olivia Wildes Spielfilmdebüt übersteht man ohne große Verletzungen. Man entgeht allerdings nicht der Vorstellung, welche Bestzeit sich angebahnt hätte, wenn notwendige Sprünge gewagt worden wären. Ein Disziplinwechsel zum 100m-Sprint sei nahegelegt. Bullies, die über die Missgeschicke lachen, gibt es bemerkenswerterweise keine. Die Highschool war selten so harmonisch.

Marco Busselmaier

Positives

Nach dem spannenden The Invitation kommt das Autorenduo Phil Hay und Matt Manfredi erneut mit Regisseurin Karyn Kusama zusammen. Hatte man bei der letzten Zusammenarbeit noch ein Kammerspiel, das mit der eigenen Wahrnehmung und Paranoia spielte, vor sich, ist ein radikaler Genrewechsel beim neusten Film des Dreigestirns durchgeführt worden. 

Psychologische Dimensionen von Horror sind zugunsten eines langsam erzählten Kriminaldramas gewichen. Nicole Kidman mimt dabei eine vom Leben und Alkohol gezeichnete Kriminalbeamtin. Ist der Charakter komplett im Geist des Loners -eines rigorosen Einzelgängers- der uns in vergangenen Dekaden im Copfilm vertraut geworden ist, zwar lediglich durch den Geschlechterwechsel innovativ, besitzt Nicole Kidman die schauspielerische Intensität, welche über die Gesamtlaufzeit hinweg zu überzeugen weiß. Die langsame Gangart in Hinblick auf die Erzählung bedeutet allerdings nicht, dass man seine Aufmerksamkeit während des Kinobesuchs für Dinge abseits der Leinwand investiert. Kusama wechselt zwischen Gegenwart und verdeckter Ermittlung fließend. Verzichtet wird dabei auf visuell aufeinander abgestimmte Übergänge. Eine gute Entscheidung! So wird verhindert, dass Verspieltheit mit der dreckigen Grundatmosphäre des Films kollidiert. Destroyer gelingt es gekonnt alle Pfade, die in den knapp über 120 Minuten betreten werden, einem in der genauen Nachbetrachtung mehr als befriedigendem Ende zusammenzuführen. An Fahrt nimmt der dramatische Genrebeitrag lediglich bei den vereinzelt eingestreuten Actionsequenzen auf. Die physischen Kontaktpunkte der Akteure sind kraftvoll realisiert, sodass man die Erschütterungen als bedrohliche Wellen in einem äußerst bedrückenden Meer der Verbitterung wahrnimmt.

Fragt man sich anfangs noch, ob die Mutter-Tochter-Beziehung überflüssigen Ballast der emotionalen Sorte auf die Schultern des Publikums legt, muss final festgehalten werden, dass es sich bei dem Endergebnis, um einen in sich schlüssigen Genrefilm handelt. Am Ende des Falls erkennt man, dass die Spuren zur Auflösung unseren Augen jederzeit präsentiert worden sind. Hätten wir nur genauer hingeschaut, wären wir vor dem, was uns nach Verlassen des Kinosaals ereilt, gefeit gewesen. Nun haben wir ihn nämlich, den emotionalen Ballast und dieser ist nach dem erfrischenden Minimalismus ein ziemlich schöner Begleiter.

Negatives

So sehr Kusama es wichtig ist, einen Film, der sich so überhaupt nicht dem Trend der Überholspur beugen will, zu erzählen, bringt die Treue zur angestrebten stilistischen Philosophie eine verschlossene Tür vor Erreichen des ganz großen Coups mit sich. 

Der Heist als Höhepunkt sticht unangenehm hervor. All der zuvor filigran aufgetragene Dreck -nicht nur auf das Gesicht Kidmans- fällt dem Frühjahrsputz zum Opfer, wenn metallische Schusswaffen zur kriminellen Kapitalbeschaffung zurate gezogen werden. Plötzlich treten klinisch rein skizzierte Aufnahmen von Überwachungskameras auf den Plan. Die Geschichte ist auf Säulen ohne Befestigung für digitale Augen gebaut. Es ist schade, dass ein Film, dessen Handlungsjahr insgesamt äußerst schwer zu bestimmen zu sein scheint, sich durch getätigte Inszenierungsentscheidungen dem Vorwurf der Inkonsequenz stellen muss. Inkonsequenz ist dann am ärgerlichsten, wenn sie aus Entscheidungen, die der Willkür entspringen, hervortritt.

In dieselbe Kerbe schlägt ein Moment, bei dem eine fragwürdige Stärke weiblicher Ermittlung, wie sie der Fantasie eines Machos entspringen könnte, einer vom Leben gebrochenen Frauenfigur, die dabei im Kern von Stärke angetrieben ist, den Boden unter den Füßen wegzieht. Die moralische Ambivalenz, die wohl im polizeilichen Datenbankeintrag der Hauptfigur Erin Bell niedergeschrieben wäre, erzeugt den Drang über sie zu diskutieren. Es ist die Qualität, die sich beim zweiten Blick zu erkennen gibt.

Ganz so gelitten, wie es das Marketingdepartment am liebsten hätte, hat das Äußere der inzwischen über 50-jährigen Australierin nebenbei bemerkt nicht. Den verschiedenen Zeitebenen ist es außerdem zu verdanken, dass wohlbekannte Antlitz in Aktion zu erleben. Die Aufrichtigkeit von Postern sollte man allerdings gerne öfter mal hinterfragen.

Fazit

Destroyer hat den Mut sein Publikum auf die Probe zu stellen. Höchste Aufmerksamkeit ist gefordert, wenn man sich zusammen mit einer großartigen Nicole Kidman den versteckten Dämonen der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft einer Kriminalermittlung aus persönlichem Antrieb stellt. Man sollte sich der langsamen Gangart bewusst sein. Die Zerstörung erfolgt hier nicht durch brachiale Materialschlachten, es ist eher die pure Zermürbung einer Polizistin mit Kultcharakter.

Marco Busselmaier

Positives

Auftragskiller als Protagonisten erfreuen sich seit Keanu Reeves beindruckender Darbietung als perfekt angezogene Ein-Mann-Armee immenser Beliebtheit. NETFLIX bedient somit das Bedürfnis eines nach im ähnlichen Stil gehaltenen Films, der die Wartezeit auf den dritten Teil der John Wick-Saga verkürzen soll.

Mads Mikkelsen ist ein über jeden Zweifel erhabener Darsteller. Seine Bemühungen retten diesen vermeintlichen Actionfilm vor der endgültigen Ladehemmung. Vanessa Hudgens überrascht als Nachbarin in beschaulich zurückgezogener Winteridylle an einem zugefrorenen See, den man als Schauplatz besser niemals hätte verlassen sollen. So wären die beiden Highlights wenigstens konstant im Bild und man müsste sich nicht über die verworrenen Pfade der Story und überwältigende Ansammlung leerer Inszenierungsmittel echauffieren…

Negatives

Echauffiert wird sich im Folgenden übrigens ausführlich werden. Polar bedeutet im englischen Sprachgebrauch „gegensätzlich“. Diese Gegensätze stoßen gleich zu Beginn ins Auge. Ist der Anfang des Films in unfassbar grellen Farben gehalten, erscheinen Szenen mit unserer Hauptfigur Duncan als kompletter Gegenentwurf. Sobald er auftritt, passt sich die Ästhetik den winterlichen Rahmenbedingungen Montanas an. Ein grauer Schleier sowie kontrastarme Bildgestaltung verdeutlichen das Alter von Duncan und signalisieren gleichzeitig den Spätwinter, in dem sich seine Karriere in der wohl tödlichsten aller Branchen befindet.

Besitzt der Film also eine mit der Handlung im Einklang stehende Ästhetik? Nein! Vielmehr erinnern uns die grellen Farbtöne daran, dass Constantin-Film sich an der Produktion beteiligt hat. Vermutlich ist so auch das Department für Farbkorrektur der Fack Ju Göthe-Filmreihe an eine neue Anstellung gelangt. Im Rahmen eines unfassbar zähen Handlungsstranges begibt sich ein an Individualität unterbietender Haufen an Schergen auf die Suche nach Duncan. Werden die Mitglieder zu Beginn mit Splitscreen-Title-Cards, die verzweifelt den Stempel „Kult“ auf dieses Machwerk zu pressen versuchen, vorgestellt, bleibt die dabei verwendete Variation des Schriftzuges einziges Unterscheidungsmerkmal in der Skizzierung der Akteure. Überhaupt scheint Regisseur Jonas Åkerlund das Prinzip gelungener Action nicht verstanden zu haben. Das Geheimnis lautet: Bewegung! Diese gibt es in den merkwürdig statisch in Szene gesetzten Kämpfen wenig bis gar nicht. Die Auflösung erfolgt stumpf zu 99,9% mit einem Kopfschuss, dem vorher entweder uninspirierte One-Liner oder aber missratene Bemühungen der Erzeugung einer humoristischen Auflockerung vorauseilen. Paradebeispiel für die vergebliche Anreicherung mit Komik ist eine furchtbar unangenehme Unterrichtseinheit Duncans vor Schulkindern. Ab diesem Zeitpunkt ist und bleibt die geistige Gesundheit des Kaisers ein Mysterium. Wenigstens wird an der ein oder anderen Stelle auf Alzheimer aufmerksam gemacht.

Womit wir wieder bei Gegensätzen angelangt wären. Ist Duncans Figur einfach zu alt, um bewegungsreiche Action abzuliefern? Ein nicht gezeigter Sprint, der bei einem der in Schall und Rauch verpuffenden Feuergefechte von Nöten gewesen sein muss -wohlgemerkt im Adamskostüm durch den Schnee- legt dies nicht nahe.

Die Übergänge zwischen Duncan und seinen Verfolgern werden mit auf die Dauer unfassbar nervtötenden Wischblenden eingeleitet. So ist die mitunter spannendste Frage, die sich dem geneigten NETFLIX-Zuschauer stellt, ob sich die Blende von links oder von rechts ihren Weg bahnt.

Abschließend sei auf das subtile Feingefühl, das bei der Erstellung dieses Werkes an den Tag gelegt worden sein muss, hingewiesen. Der Bösewicht heißt Mr. Blut. Seine bevorzugte Garderobe ist komplett in Rot gehalten… Muss man mehr sagen?

Fazit

Wer wirklich gelungene Action mit Mads Mikkelsen sehen möchte, sollte lieber, wenn bereits nicht geschehen, einen Blick auf den famosen Auftakt von Staffel 2 der Serie Hannibal werfen. Immerhin haben Gewalt und Blut dort einen filmischen Mehrwert.
Da vergisst man dann auch fast, sich über die finale Enthüllung aufzuregen. Diese stellt beiläufig eine Fortsetzung der Geschichte in Aussicht. Bitte John… Rette uns!

Marco Busselmaier

Positives

In den USA genießt die gleichnamige Buchreihe Kultstatus. Zwischen 1981 und 1991 veröffentlichte Alvin Schwartz drei Bände mit schaurigen Kurzgeschichten. Nicht nur das geschriebene Wort lehrte Lesern das Fürchten. Der bekannte Kinderbuchillustrator Stephen Gammell verlieh dem Grusel ein Gesicht. Ein Kinderbuchillustrator für Horrorerzählungen? Was auf den ersten Blick Befürchtungen der Milde bei eingefleischten Horrorfans hervorrufen könnte, weist auf die schwierige Einordnung der Geschichten hin. Sie werden als Literatur für junge Leser klassifiziert. Wie die Horrorcomics in George A. Romeros Creepshow war Schwartz՚ größter Erfolg Zielscheibe für Attacken besorgter Eltern. Vielleicht zählen die Bücher gerade wegen ihrem hitzig diskutierten Status als großer Erfolg der amerikanischen Kinderbuchliteratur. Der Reiz des Kontroversen triumphierte und eine ganze Generation wurde in die Welt der Angst und Schauergestalten eingeführt. Kann das Horrorgenre überhaupt kindgerecht sein? Diese Debatte, mit der zermürbenden Frage, nach angemessenen Inhalten für Kinder soll an dieser Stelle nicht vertieft werden. Für die Rezeption des Films ist die Zielgruppe des Ausgangsmaterials von erheblicher Bedeutung. 

Scary Stories to Tell in the Dark ist die Adaption einer Kinderbuchreihe des Genres Horror. Unter diesem Gesichtspunkt sollte der Film behandelt werden. Das Drehbuch strickt rund um eine Auswahl aus Schwartz՚Erzählungen eine lose Rahmenhandlung, in der eine Gruppe Teenager von einem Geist heimgesucht wird. Mit Blut schreibt die gequälte Seele Sarah Bellows Szenarien nieder, die dem literarischen Ausgangsmaterial entsprechen. Was auf den vergilbten Seiten erscheint, wird für die Hauptfiguren bittere Realität. So wirkt der Film eher wie eine Aneinanderreihung von Kurzfilmen. Zahlreiche Aspekte des Genres werden durch die individuelle Stilistik der einzelnen Episoden und den Monstern als ikonographischer Ausdruck treffend betont. Klaustrophobie, die Angst vor der Dunkelheit, das Gefühl von Insekten unter der eigenen Hautoberfläche oder unnatürliche Bewegungsabläufe lassen sich als Grundmotive der Geschichten herausarbeiten. Qualitative Gefälle sind nicht spürbar. Jeder Abschnitt überzeugt für sich. Das meiste Blut findet sich nicht an Wänden oder Böden wieder, sondern dient als Tinte der atmosphärischen Segmente. Dank der Involvierung Guillermo del Toros wurden für die Monster größtenteils Effekte abseits des digitalen Zauberhutes verwendet. Aufwendige Masken und Handwerk zeugen von intensiver Arbeit traditioneller Horrorkunst, die das Make-Up-Department und Spezialeffekte-Team geleistet haben. Die stimmungsvolle Lichtsetzung lässt die Retroschauplätze der späten 1960er Jahre besonders schön wirken.

André Øvredal, der in der Vergangenheit mit Trollhunter und The Autopsy of Jane Doe echte Geheimtipps des Genres ablieferte, legt erneut ein schönes Kabinettstück vor. 

Negatives

Wird man aus dem Buch herausgerissen, ist für einige Minuten Geduld angesagt. Bevor Sarah den blutigen Stift wieder ansetzt, müssen die Figuren sich mit der Frage der Überlebenschancen befassen. Ob überhaupt gegen die übermächtige Kraft des unheilvollen Wortes angegangen werden kann, scheint willkürlich festgelegt. Die Handlungsmacht der Charaktere ist nicht hinreichend gezeichnet. Auch die Konsequenzen der Episoden möchten ihre Wirkung aufgrund des dünnen Beziehungsgeflechtes nicht so recht entfalten. Nachdem die Seite umgeblättert wurde, hetzen sich die Protagonisten mit einer oberflächlichen Gruppendynamik in die nächste Situation. Die Spannung generiert sich aus dem Warten auf die nächste Geschichte. 

Das Ende legt den Grundstein für ein Franchise. Ob eine zukünftige Fortsetzung ebenfalls derart gut unterhält, hängt von der Auswahl und Umsetzung des bestehenden Materials ab. Die schwachen Hauptfiguren sind von ihrer Eingliederung in Schwartz՚ Geschichten abhängig.

Fazit

Scary Stories to Tell in the Dark gelingt es dank seiner episodischen Grundstruktur für atmosphärischen Gruselspaß zu sorgen. Das Maß an Gewalt und Blut ist dabei bis auf ein Minimum reduziert. Für ein jüngeres Publikum markiert André Øvredals Werk somit einen überaus detailverliebten Einstieg in schauderhafte Genregefilde. Auch alteingesessene Horrorfans sollten sich nicht durch die mildere Form der Ästhetik abschrecken lassen. Der Film vereint stimmungsvolle Grundmotive geliebter Kost. Das handgemachte Design der Monster lässt Liebhaberherzen höherschlagen. Für Enttäuschung hingegen sorgt die dünne Rahmenhandlung mit austauschbaren Protagonisten.

Marco Busselmaier

Positives

Exzentrisch mag sie für Außenstehende wirken. Einmal in der Kunstwelt angekommen, übernimmt man jedoch relativ schnell die anfangs skeptisch beäugten Mechanismen und Eigenheiten, die an den Tag gelegt werden. Dan Gilroy, der einer breiten Öffentlichkeit erst bekannt wurde, als er aus der immer zu Unrecht zum Wandeln im Schatten verdammten Rolle eines Drehbuchautors herausgebrochen ist, indem er mit dem fantastischen Nightcrawler das kreative Erzeugnis seiner Profession selbst verwirklichte, sammelt in seinem zweiten Streich mit Jake Gyllenhaal als Testimonial allerhand Beobachtungen aus dieser Szene. Auf dem Regiestuhl scheint er sich inzwischen recht wohl zu fühlen. Schaffte er es ein verdammt scharfsinniges Debüt zu kreieren, das darüber hinaus noch eine wahre Augenweide war, ist es die logische Folge, dass er seine Stärken mit dem Distributionsweg NETFLIX einem breiteren Publikum beweisen möchte.

Das Sujet ist perfekt gewählt. Insbesondere die Malerei, mit einem Eigenleben versehen, eignet sich wunderbar für spannendes Genrekino, das ein Gefühl des Wahnsinns Pinselstrich für Pinselstrich in filigran gezogenen Linien für die Betrachter bereithält. Gilroy ist sich Mitteln des frühen Schauerfilms bewusst, wenn er im Laufe einer Szene seine gemalten Kulissen ein Eigenleben entwickeln lasst. Dort verlieren sich seine von Kommerz getriebenen Figuren. Zwischendurch nutzt er wunderschön konzipierte Establishing-Shots von L.A. zur Tages- und Nachtzeit. Wolken werden zu kristallinen Farbträgern und Lichter des urbanen Stadtraumes zu mit der Sprühpistole feinfühlig aufgetragenen Partikeln, innerhalb derer für Kritiker und Händler von Kunst, über die entgegengesetzt vom Willen des Urhebers verfügt wird, jede Menge übernatürliche Probleme bereitstehen.

Die schaurigen Elemente sind abwechslungsreich ausgearbeitet, allerdings ist gerade diese Vielfalt für die an sich stringente Botschaft des Films kontraproduktiv, da sie auf diesem Weg der Vermittlung von ihrem Kern entfremdet auftritt. Allein für die Künstler zeigt er Herz. Werden sie sich des dunklen Schleiers der Kommerzialisierung doch nach einiger Zeit bewusst. Ihnen gelingt es, mit der Loslösung von den Verlockungen neue Kreativität zu schöpfen. Weshalb wir hier jedoch einem ambitionierten Werk, dem es an Feinschliff mangelt, gegenüberstehen, erschließt sich mit einer Verlagerung auf den rechten Museumsflügel… 

Negatives

In dem wir nun angelangt sind. Gilroy ist derart bemüht, eine möglichst breite Palette an Charakteren auf der Leinwand unterzubringen, dass wir der Komposition oft suchend nachblicken. Während dieses Prozesses lassen sich oft sehr starke Augenblicke erkennen. Der Blick auf die Gesamtheit des Werkes, insbesondere wenn Morf, Rhodora, Josephina, Jon und Gretchen während ihres täglichen Schaffens im Kunstalltag begleitet werden, offenbart in letzter Konsequenz, dass es sich bei ihnen lediglich um die reinen Verkörperungen von Stereotypen handelt. Als amüsante Beobachtungen erfüllen sie ihren Zweck als Ausdruck des fragwürdigen Kunstverständnisses ihrer Inspirationen. Das Drehbuch schafft es bedauerlicherweise nicht, sie über dieses Dasein hinweg auf eine andere Ebene zu heben. An dieser Stelle wäre eine Reduktion des Ensembles, durchaus sinnvoll gewesen, um die verwendeten Farben besser herausstechen zu lassen. 

Hin und wieder fehl am Platz wirkt leider ausgerechnet Gilroys „David“. Jake Gyllenhaals Balanceakt des ständig zwischen Ansichten schwingenden Kritikers fallt besonders dann negativ auf, sobald er die sexuelle Orientierung seines Morfs ins Zentrum des Schauspiels rucken muss. Manifestationen des Wahns, mit denen er sich konfrontiert sieht, rufen in Erinnerung, mit was für einem talentierten Vertreter seiner Zunft man es hier zu tun hat. Exemplarisch hierfür steht eine erfrischende Interpretation von dem psychotischen Symptom der oft zitierten Stimmen im Kopf des an der Grenze zum Verrücktwerden stehenden Protagonisten.

Etwas befremdlich ist die Wut, mit der das Skript einigen der agierenden Charaktere begegnet. Eine Wandlung, die sich dem Erkennen der eigenen Verfehlung anschließt, wird ihnen nicht zugestanden. Zumindest die Figuren, welche selbst aktiv ein künstlerisches Produkt an die Welt übergeben, sind von dieser Radikalität durchgehend ausgenommen. Dies mag etwas heuchlerisch anmuten. Hier ist ein Werk an ein nicht minder fragwürdige Wirtschaftspraktiken anwendendes Streaming-Portal verkauft worden. Oder etwa nicht? Glücklicherweise hält Kunst im erfreulichsten Fall immer das Element des Subversiven bereit. Der Kritiker kann nur hinweisen, das Publikum entscheidet. 

Fazit

Dan Gilroys dritter Beitrag als Autorenfilmer ist schicke Genrekost für Zwischendurch. Vergleichbar mit einer Ausstellung, bei der ein Großteil der Arbeit nicht in die Gemälde selbst geflossen ist, sondern in den Raum, der sie beherbergt. Auf Stabilität sollte man die Konstruktion dieses überaus nett anzusehenden Raumes aber nicht überprüfen. Die Wände drohen beim Anlehnen einzustürzen. 

Marco Busselmaier

Das Leben als Teenager kann aufwühlen. Von den üblichen Herausforderungen, die vom Schulleben, den sozialen Kontakten und dem Elternhaus an Heranwachsende gestellt werden, sind die Erfahrungen der 17-jährige Autumn (Sidney Flanigan) jedoch weit entfernt. Nachdem sie sich seit längerem unwohl fühlt, entschließt sie sich zum Gang in eine Arztpraxis. Ihr Verdacht wird dort durch einen Test ohne jeden Zweifel bestätigt. Sie ist schwanger, ohne dies je beabsichtigt zu haben. Schon bald erwägt sie die Möglichkeit eine Abtreibung durchzuführen. Die Gesetze ihres Heimatstaates Pennsylvania erlauben ihr einen solchen Eingriff allerdings nur mit Einwilligung ihrer Eltern. Diese Option scheidet für Autumn aus, da sie ihre Schwangerschaft geheim halten möchte. Lediglich ihrer Cousine Skylar (Talia Ryder) vertraut sie sich an. Zusammen machen sich die jungen Frauen deswegen auf den Weg nach New York, wo Autumn die erhoffte Hilfe ohne die Involvierung außenstehender Personen finden kann…

In der Eröffnungssequenz beschreibt die Autorenfilmerin Eliza Hittman die sich anbahnende Situation ihrer Hauptfigur treffend. Autumn steht auf der Bühne einer Talentshow ihrer Schule. Mit einer Akustikgitarre entblößt sie sich einer breiten Öffentlichkeit, die in der Konstellation des Performativen über sie urteilt. Erfüllt sie die Erwartungen? Erfährt sie Unterstützung, Kritik oder Schmähung? All diese Fragen lassen sich auf die Rolle der werdenden Mutter oder einer Frau übertragen, die sich dazu entschlossen hat, ihr Kind nicht zur Welt zu bringen. Der Film wählt die zweite Abzweigung. Durch die resolute Verschwiegenheit Autumns, gibt es keinen Kreis an Figuren, der auf sie in einem Akt der Beurteilung einwirkt. Sie ringt alleine um Ihre Autonomie der Entscheidungskraft. Alleine ihre Vertrauensperson Skylar und wir begleiten sie.

Das selbstgewählte Dasein der Abkapslung von Bezugspersonen wird durch die Kameraarbeit eingefangen. Immer sehr nah bewegen wir uns mit Autumn durch die Straßen von New York oder den Gängen des U-Bahnnetzes. Es gerät schier in Vergessenheit, dass sich die Handlung in einer der Metropolen unserer Zeit abspielt.

Es ist ein Weg gekennzeichnet von Intimität, auf den wir geführt werden. Eine Intimität die berührt. Ihre Wucht erreicht sie nicht unbedingt dadurch, weil wir alles erfahren, sondern durch die Verwendung nüchterner Dialoge, die in ihrer Apathie pointierte Nuancen aufweisen. Höhepunkt dieser Vorgehensweise ist ein Fragenkatalog, den Autumn mit einer Betreuerin in der Abtreibungsklinik durchgeht. Die im Titel genannten Antwortmöglichkeiten erfahren durch ihre schiere Nennung und schrittweise mit Emotionalität erfüllter Wiedergabe durch die Beteiligten eine unvorstellbare Ausdruckskraft. Sidney Flanigan ist alleine in der extrem langen Einstellung sichtbar. Wir beobachten, wie die aufgebaute Fassade ihres Charakters stückweise zum Einsturz gebracht wird. Repetitiv schallend besitzen die vier Worte eine Einschlagskraft, die für einen der einfühlsamsten Momente des Kinojahres sorgt. 

Fragen bleiben offen. Es ist eindeutig erkennbar, dass Autumn etwas widerfahren ist, dass sie zutiefst in eine emotionale Abschottung geführt hat. Um was es sich dabei handelt, ist nicht entscheidend. So wird viel eher der Fokus auf die essentielle Notwendigkeit der Selbstbestimmung einer jeden Frau gerichtet, die sich in einer ähnlichen Lage befindet. Das höchste Gut, das gerade in Amerika inmitten religiös aufgeladener Debatten mit verbrannter Erde viel zu oft untergraben wird. Einer direkten Diskussion in Form konfrontativer Konflikte zwischen Charakteren geht der Film aus dem Weg. Es wird zwar deutlich gemacht, dass die Belegschaft der ersten Praxis aus Autumns Heimatort stark konservativ geprägt ist, da sie unter dem Deckmantel der Freundlichkeit, Autumn von der Geburt eines Kindes überzeugen möchte. Der politische Kern wird bei der Betrachtung des Einzelschicksals ersichtlich. Es bedarf keines verworrenen Austausches, der sowieso in einer Sackgasse endet, die geschuldet der fest gefahrenen, entgegengesetzten Denkmuster vorprogrammiert ist. Hier ist eine junge Frau, der eine Möglichkeit zur Selbstbestimmung gegeben werden muss. Auf mehr kommt es nicht an.

Voreilige Schlüsse verleiten dazu, den Vorwurf von Männerfeindlichkeit des Films in den Ring zu werfen. Das Handeln von männlichen Akteuren ist derartig gestaltet, dass Autumn und Skylar entweder abgewertet oder mit zutiefst sexuellen Belästigungen konfrontiert werden. Eine durchweg positive Bezugsperson männlichen Geschlechts tritt nicht auf. Bei näherer Betrachtung erweist sich ein solcher Vorwurf schnell als haltlos, weil die Perspektivierung nahezu ausnahmslos an Autumn gekoppelt ist. Sie hatte in der Vergangenheit definitiv traumatisierende Begegnungen mit einem oder mehreren Männern. So ist es nicht verwunderlich, dass ihre Figur nur beklemmende Situationen mit ihnen wahrnimmt. Eine aus ihrer Sicht verständlicherweise von Misstrauen geprägte Wahrnehmungswelt wird inszeniert. Leider wird in einem potentiellen Ausnahmefall keine Chance zur Differenzierung wahrgenommen. Vielleicht verdient die Ausweglosigkeit, die für viele Frauen bittere Realität ist, auch nur kohärenten Pessimismus ohne Hoffnungsschimmer, um einen notwendigen Appell zu starten. Autumn wird letztendlich ein friedvoller Moment gewährt, der auch in seiner Fragilität von Poesie erfüllt ist. Es war ein langer Trip. Man möchte nicht erahnen, was auf sie in der Heimat wartet.

FAZIT

Niemals Selten Manchmal Immer ist ein einfühlsames Drama der langsamen Gangart, das für bedrückende Stimmung sorgt. In seinen stärksten Momenten entfesselt der Film eine Intimität, die in ihrer Intensität ganz tief in den Kinosessel drückt. Eine Abtreibung ist kein Moment, der nach Beurteilung verlangt. Eliza Hittman hat dies wunderbar erkannt.

Marco Busselmaier